Kategorie: postcards from italy

  • #3 Der Kellner

    #3 Der Kellner


    Dass der Mitarbeiter in der Pizzeria an der Strandpromenade so gut Englisch sprach, verwundert mich bis heute. Dabei hatte ich in den letzten Tagen nach den ungeahnten Ereignissen und Begegnungen mein Italienisch deutlich aufgebessert.  Follonica war keine Stadt, in die man fuhr, weil man sie sehen wollte. Man fuhr hin, weil man etwas brauchte. Bargeld. Einen gut sortierten Supermarkt. Vielleicht ein Ladegerät.  Die Stadt lag flach, wie ausgebreitet am Meer. Keine Höhe, kein Widerstand.

    Dieser Mann – ein junger Mann mit schwarzen Locken, der hier in den Sommerferien arbeitete – bestand darauf, mit mir Englisch zu sprechen. Er nannte seinen Namen und wiederholte meinen Namen mehrfach. Freundlich und engagiert nahm er meine Bestellung auf. Nur Straßen, Ampeln, Kreisverkehre, eine Tankstelle mit überlaufen Mülleimern, ein paar uninteressante Boutiquen, ein geschlossenes Tabacchi. Und das Meer – irgendwo hinter den Gebäuden. Vielleicht war Follonica nur der Versuch einer Stadt.

    Die Pizza war lecker, aber etwas lieblos belegt. Auch der Aperol Spritz war fad. Dennoch erwiderte ich beim Abräumen der Teller auf seine Frage, ob es mir geschmeckt habe, dass es sehr, sehr lecker war. Ich zahlte mit Karte, gab ein wenig Trinkgeld und ging zurück auf die Promenade, um ein bisschen zu schlendern und einen guten später ein Taxi zu suchen. 

    Das Licht in diesen Wäldern war nicht dramatisch. Es fiel matt durch das Geäst, wie durch einen Schleier aus kratziger Wolle. Kein italienisches Sonnenlicht im klassischen Sinn, nichts Cinematografisches – sondern ein gedämpftes, fast müdes Leuchten, wie von gewalktem Flanell, grau-grün, staubig, schweigend. 

    Früher glaubte ich, Banditen lebten in Höhlen. Mit Feuerstellen und Fellen und schmutzigen Fingern. „Bandite di Scarlino“ – als hätte man sich an das Bedrohliche gewöhnt. Als sei es romantischer, wenn der Wald von Räubern erzählt.

  • #2 Die Etrusker

    #2 Die Etrusker

    Einer, der sich in der Mittagshitze unter den Schatten eines Olivenbaums legt, das Licht über ihm: flimmernd wie ein Seidenfutter, ein flacher Wind, ein harziger Duft.

    Sie waren lange vor uns da. Lange vor den Touristen, den Badematten, den Mietwagen. An den Hängen des Monte Macchia – über dem Lago dell’Accesa – liegen zahlreiche Gräber, halb vergessen. Ich war nicht dort. Hatte es mir vorgenommen, aber dann war es zu heiß.

    Trotzdem dachte ich daran – an sie, hier auf dem Parkplatz. An ihre Wege durch die Hügel, die Tonkrüge, die Chimäre von Arezzo. Die Männer trugen Tuniken aus Wolle oder grobem Leinen. Die Farben waren erdig, die Stoffe schwer. Die Etrusker lasen die Zukunft aus dem Flug der Vögel, der Himmel war eine Karte der Götter. Irgendwann gingen sie unter. 

    Er schlägt die Scheibe ein, leise, wie man eine Tür schließt. Und kurz darauf ist alles verschwunden.

    Wahrscheinlich waren sie noch immer hier. Hier unter mir, irgendwo in der Erde. Während ich summend darüber schlenderte, mit meinem schlammbraunen Leinenhemd, den Raffia-Sandalen und der völlig überteuerten Sonnencreme. Irgendwie tröstlich.

    Das Licht in diesen Wäldern war nicht dramatisch. Es fiel matt durch das Geäst, wie durch einen Schleier aus kratziger Wolle. Kein italienisches Sonnenlicht im klassischen Sinn, nichts Cinematografisches – sondern ein gedämpftes, fast müdes Leuchten, wie von gewalktem Flanell, grau-grün, staubig, schweigend. 

    Früher glaubte ich, Banditen lebten in Höhlen. Mit Feuerstellen und Fellen und schmutzigen Fingern. „Bandite di Scarlino“ – als hätte man sich an das Bedrohliche gewöhnt. Als sei es romantischer, wenn der Wald von Räubern erzählt. Ich ging durch diese Wälder, dachte an Räuber, die nie welche waren, und an Räuber, die es heute sind.

    Ein Fahrzeug. Ein paar persönliche Dinge.
    Besitz ist nichts weiter ist als eine Vorstellung.
    Ein Glaube, so brüchig wie das Vertrauen in Schlösser.

  • #1 Lorella

    #1 Lorella

    Lorella #1

    Ich stellte mir vor, dass ein Mann damals, in der Zeit der echten Banditen, in diesem Wald Schutz gesucht hatte.

    Mit einem gestohlenen Esel. Vielleicht mit einer Pistole im Gürtel. Mit Hunger? Und dann legte ich mich ins Gras und hörte, wie es unter mir knisterte.

    Lorella war eine lustige ältere, sympathische, grauhaarige Frau. Im Alltag, auf der Straße, irgendwo im Supermarkt, wäre sie mir nicht besonders aufgefallen. Ihre Kleidung könnte ich jetzt – lange nach den Vorfällen – gar nicht genauer beschreiben. Doch müsste ich es, würde sich das ungefähr so anhören: Ein einfarbiges Oberteil, vermutlich langärmelig, und eine lange Hose, beides in Schwarz, Grau oder Dunkelblau. Keine Ahnung. Am Oberteil erinnere ich einen gehäkelten Ansatz, eine Art Spitze – aber sehr grob. Ihre Frisur: graues, halblanges Haar. Die Schuhe: Halbschuhe, grau oder schwarz, aus Leder. Alles ziemlich nichts sagend. Doch Lorella redete gerne und viel. Natürlich auf Italienisch.

    Sie sagte immer freundliche Dinge, wie: „Kein Problem“, oder: „Das ist kostenlos“, oder: „Sie sind mein Gast“ – und natürlich:

    Allora

    Ich war zufällig an sie geraten, über eine Onlineplattform, und hatte bei ihr eine Ferienwohnung gemietet.

    In ihrem Kühlschrank, gleich hinter der Rezeption, lagerte sie mehrere italienische Biersorten. Das Licht darin war kein Licht im eigentlichen Sinn, sondern eine Art kränkliches Leuchten, hier hatte sich jemand bemüht, die Kälte selbst sichtbar zu machen.

    Direkt sympathisch fand ich ein Peroni mit rotem Etikett – ein Dreiviertelliter italienisches Bier. Ein beeindruckendes Format. So kalt, dass man es sich am liebsten direkt gegen die Stirn drücken wollte, um die Gedanken zu beruhigen, die in dieser Hitze nur noch kreisten. Ein Dreiviertelliter – das trinkt man nicht einfach mal „by the way“.

    Die Waschmaschine war frei, ebenso das Klopapier. Das Bier würde sicherlich auf der Endabrechnung landen. Die Mülleimer lagen in Sichtweite meines Balkons. Die benachbarten Balkone der anderen Urlauber waren mir etwas zu nah, aber ich rauchte dennoch einen Joint, leerte die Reste des Biers und führte unentwegt Telefongespräche. Eigentlich war ich im Urlaub, aber das hier – das sollte wirklich in Arbeit ausarten.